Lutherkirche

Vorgesehen zum Kölner Talkgottesdienst im Herbst 2012

Herr Hideto Sotobayashi
Professor der Physikalischen Chemie, Hiroshima-Überlebender

 
Herr Prof. Sotobayashi war für 2011 als Talkgast eingeladen, konnte aber aus gesundheitlichen Gründen nicht kommen. Er sagte für den Herbst 2012 zu. Am 28. Dezember 2011 ist Herr Sotobayashi verstorben. Wir gedenken eines leisen, aber intensiven Mahners und aufrechten Menschen.

Es ist der 6. August 1945 um 8.15 Uhr in Hiroshima. Der 16-jährige Hideto Sotobayashi hat mit seiner Klasse gerade Chemie-Unterricht. Als Eliteschüler ist er vom Arbeitsdienst in der Fabrik befreit. Noch herrscht Krieg mit den USA. Die japanische Flugabwehr hatte am Morgen feindliche Flugzeuge auf dem Radar entdeckt. Es waren aber nur sehr wenige und so hielt man sie nur für Aufklärer. Um 8.16 Uhr explodiert über Hiroshima eine Atombombe, die über 70.000 Menschen sofort tötet und Zehntausende so sehr verstrahlt, dass sie innerhalb der nächsten Tage sterben.

Diejenigen, die das Inferno überleben, sind verstrahlt. Niemand kennt sich damit aus. Die Überlebenden werden ausgegrenzt, oft ein Leben lang. Wird man in der Nähe eines verstrahlten Menschen selbst kontaminiert? Kann man das Risiko einer Ehe eingehen? Wie groß wäre die Gefahr, kranke Kinder zu bekommen? Noch bis in dieses Jahrtausend hinein schweigen viele Überlebende. So auch Herr Prof. Dr. Hideto Sotobayashi. Erst vor wenigen Jahren brach er sein Schweigen. Der Professor für Physikalische Chemie lebt seit 1957 in Berlin und lehrte an der Technischen Universität Berlin und am Max-Planck-Institut. Beim Talkgottesdienst in der Lutherkirche wird er über seine Erfahrungen in Hiroshima sprechen, die angesichts der Ereignisse in Fukushima aktueller sind, denn je.

Pfarrer Hans Mörtter wird das Gespräch moderieren und hat dazu das Tangopaar Kathrin und André eingeladen. Unser Kantor Thomas Frerichs und der Cellist Ruddi Sodemann werden ein Tangoorchester zusammenstellen.  „Der Grund für den Tango ist die Würde“, erklärt Hans Mörtter. „Die Umgebung hat doch Angst vor den Verstrahlten als wären sie so eine Art atomare Virenträger. Deshalb werden sie oft ausgegrenzt – wieder einmal ausgegrenzt.“ So erging es den Glückrittern in Argentinien vor 100 Jahren, als der Tango argentino entstand. Sie waren die Ausgestoßenen ihrer Gesellschaft, ließen sich aber nicht unterkriegen und schufen den getanzten Traum von einem besseren Leben. „Beim Tango muss man aufrecht stehen“, sagt Mörtter. „Und aufrecht steht auch Herr Prof. Dr. Sotobayashi, indem er seine schrecklichen Erfahrungen publik macht und damit der Angst entgegenwirkt. Vielleicht trägt das ein wenig dazu bei, den Strahlenopfern von Hiroshima, Nagasaki und Fukushima mit mehr menschlicher Nähe zu begegnen.“

Text: Helga Fitzner
Portraitfoto: Copyright oH
Friedenspark in Hiroshima, Foto: bildpixel auf pixelio.de
Das Foto zeigt den Friedenspark in Hiroshima. Im Vordergrund eine Teilaufnahme des Kenotaphs, eines leeren Scheingrabes zum Gedenken an die Opfer. Im Hintergrund der zerstörte Friedensdom, die Gedächtnisruine der ehemaligen Industrie- und Handelskammer.
Quelle: bildpixel von www.pixelio.de/ 
Herr Hideto Sotobayashi, Plakat: Hermann Vogel



Überlebte den Atomangriff
auf Hiroshima

Hideto Sotoybayashi, Foto: urheberrechtlich geschützt
Herr Hideto Sotobayashi