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Tango-Gottesdienst mit Pfarrer Hans Mörtter vom 21. Oktober 2007
Hartz IV – Theorie und Wirklichkeit Von der Würde des Menschen
Den Boden unter den Füssen spüren Jemand fragte mich vor Kurzem: ‚Hartz IV und Tango? Was hat das denn miteinander zu tun?’ - Ganz viel. Denn der Tango entstand am Rio de la Plata in Argentinien in einer menschlich grausamen Situation, die wir uns hier in Köln kaum vorstellen können.
Was passiert im Tango?! Menschen gehen in den Stand. Dazu braucht man Spannung, d. h. der Körper ist gerade und ganz leicht nach vorne gebeugt, um in Kontakt mit dem Partner oder der Partnerin zu kommen. Man muss mit beiden Füssen auf der Erde stehen. Das Erste ist also, den Boden unter den Füssen spüren und in eine aufrechte Haltung gehen. Völlig gegenwärtig sein, in dem, was ich im Augenblick tue und die Zeit verliert sich in diesem Augenblick. Und das, was mich verletzt und klein macht, spielt keine Rolle, weil ich bin – nur das, ich bin. Und ich gehe, Schritt für Schritt, gehe und gehe – immer weiter – nichts als Weite vor mir, Horizont. Und da passiert etwas, eventuell – aufgerichtet, mit mir. Und darüber reden wir heute, hören, spüren, fühlen, sehen.
Wie bei jedem Gottesdienst sammeln wir. Was wir damit tun, ist teilen. Das ist etwas ganz, ganz Wichtiges. Darüber werden wir heute noch mehr erfahren. Weil es immer mehr Menschen gibt, die in sozialer Not sind, nicht „nur“ in psychischer Not, in realer sozialer Not. Deshalb sammeln wir heute für die diakonische Arbeit unserer Gemeinde. Das ist nicht nur der seelische Beistand, wir gucken, ob was finanziert werden muss. Eure Spende lohnt sich, sie kommt direkt bei den Menschen an.
Für Bildung sind 0 % vorgesehen Der Hartz IV-Satz von 347,-- € beruht nicht etwa auf dem belegbaren Bedarf von Familien, sondern auf dem Verbrauchsverhalten der unteren 20 % der Ein-Personen-Haushalte. Mehrheitlich sind das Rentner. Den Bedarf von Arbeitslosen und Kindern an Rentnern zu messen, ist absurd. Der Berechnung des Arbeitslosengeldes II liegen Kosten und Preise zugrunde, die acht Jahre alt sind. 2,6 Millionen Kinder leben heute von staatlicher Unterstützung. 1,93 Millionen Kinder unter 15 Jahren leben von Hartz IV. Das sind 17 % der Kinder in Deutschland. Von 2006 auf 2007 ist ihre Zahl um 10 % gestiegen – trotz Wirtschaftswachstums. 32,3 % aller Sozialhilfebezieher sind Kinder und Jugendliche. Ein Drittel der Kinder unseres Gemeinwesens leben auf einem Einkommensniveau, das sie faktisch von ganz alltäglichen, normalen, gesellschaftlichen Vollzügen ausschließt. Ihre Zukunftsaussichten...
Der Regelsatz für ein Kind im Alter von 0 bis 14 Jahren beträgt 207,-- € monatlich. 2,57 pro Tag für Essen und Getränke. 1,63 € pro Tag für die Schule und deren Bedarf. 0,05 € für Schuhe. Für die tägliche Ernährung 15- bis 18-Jähriger werden 3,42 € angesetzt. Eine 15-Jährige braucht für eine gesunde Ernährung pro Tag mindestens 4,68 €, und das nur, wenn ausschließlich bei Lidl oder Aldi eingekauft wird. Oder 7,44 € bei Einkauf im Supermarkt, und nicht im Bioladen. (Quelle: Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE) an der Universität Bonn;Zeit online 24.11.2006; Caritas in NRW, Ausgabe 4/07; u.a.)
Der Schulbedarf für Bücher, Stifte, spezielle Hefte, Farbmalkästen, Turnzeug, Füller, Taschenrechner, Kopien, Einschulungstüte muss angespart werden – von nichts. Die Grundausstattung eines Schulkindes kostet nach Berechnungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes rund 180,-- €. Teilhabe armer Kinder und Jugendlicher an der Gesellschaft wird faktisch ausgeschlossen. Für Bildung sind 0 € vorgesehen. Für Nachhilfeunterricht, das Erlernen eines Musikinstruments, Schwimmen, Sport sind keine Ausgaben vorgesehen. Ebenso nicht für Geburtstage oder Weihnachten. Teilnahme an Geburtstagsfeiern anderer Kinder stellen ein Problem dar: Das Geschenk.
Die Gesundheitsversorgung ist mehr als mangelhaft. Liegen die durchschnittlichen privaten Ausgaben für Gesundheit bei monatlich 26, 50 pro Kopf der Bevölkerung, eingeschlossen sind Praxisgebühren, Zuzahlungen für Arzneimittel usw., sind bei Hartz IV monatlich nur 12,74 € vorgesehen.
Im Juli 2007 bezogen 7,3 Millionen Menschen in 3,7 Millionen Bedarfsgemeinschaften Hartz IV, jeder neunte Bürger unter 65 Jahren. Überdurchschnittlich stark betroffen, sind alleinerziehende Mütter und Frauen im Alter zwischen 25 und 50 Jahren. Weit über eine Million Arbeitende erhalten zusätzlich Hartz IV, weil ihr Einkommen zum Überleben nicht reicht. ALG II müsste nach Berechnungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes mindestens um 19 % erhöht werden, um ein gesundes minimalistisches Auskommen zu gewährleisten. Seit Jahren hat es keine Anpassung an die erhöhten Lebenshaltungskosten gegeben, bis auf die kosmetische Erhöhung von 345,-- auf 347,-- € monatlich.
Die Frage ist, wie lange es sich eine Gesellschaft leisten kann, dass Millionen von Menschen nicht mehr haben, als sie zum Überleben benötigen.
Der Tango ist aus der Krise geboren Rio de la Plata vor über 100 Jahren. Der Tango wird geboren und wächst aus der Auflehnung des Lebens heraus, das sich nach Glanz, Schönheit und Energie sehnt, gegen die Umstände, die in die völlig andere Richtung weisen. Man muss genau hinschauen, um auf das Brodeln, das revolutionäre Brodeln im Innersten zu stoßen.
Psalm 85 „Könnte ich doch hören, was Gott, der Herr, redet, dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, damit sie nicht in Torheit geraten. Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn achten, dass in unserem Lande EHRE wohne, dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen; dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue.“
Was für ein Text. 3000 Jahre alt. EHRE wohnt nicht in unserem Land, nicht in Deutschland. Da ist sie nicht zu Hause. In Deutschland müssen viele Menschen am Essen sparen, und die Hungerküchen werden immer mehr. Das ist nicht haltbar. Das ist aber nicht die Aufgabe von uns Kirchen und Sozialeinrichtungen, die Löcher des Versagens eines Gesellschaftssystems notdürftig zu stopfen. Wir sind da dran, weil die Leute vor der Tür stehen. Aber es ist absurd. Ehre wohnt nicht mehr in unserem Land, wenn wir das zulassen. Ich habe das mal im Brockhaus nachgelesen. Da steht u. a.: „Recht: Die bürgerliche Ehre ist das Maß an Achtung, das jedem unbescholtenen Menschen zukommt. Sie ist Ausfluss der in Artikel 1 des Grundgesetzes garantierten Unantastbarkeit der Menschenwürde und juristisch geschützt.“ Klare Worte. Das System, so wie es real existiert, ist menschenverachtend.
Der Tango, er kennt diese Situation. Aus ihr heraus ist er stark geworden. Weil Menschen sich nicht ersticken lassen wollen. Denn sonst wären sie erstickt, wenn sie nicht hätten tanzen können. Da gehören Lackschuhe mit dazu. Kein Mensch weiß, wie man in solch einer Situation zu Lackschuhen kommt. Vielleicht noch weniger essen, und wenn es sein muss, in dem Müll der Wohlstandsgesellschaft suchen!? Lackschuhe, ein weißes Hemd, ein Kleid, Strümpfe aus Seide, vielleicht mit Löchern, aber elegant. Durch den Tango haben die Menschen am Rio de la Plata wieder entdecken und lernen können, dass sie Könige und Königinnen sind. Der Tango ist aus der Krise geboren, durch all die Namenlosen, die ihm ihre Liebe gaben, denn die gehört dazu. Menschen, die an anderer Stelle nicht gewollt waren. Kein Elend ist dem Tango fremd. Doch er hat Haltung. Er kommt in Lackschuhen und Seidentuch daher, wie ein König, leuchtend, wie eine Prinzessin. Tango ist, als würde er uns aus unserer grauen Welt hinausziehen, als würde er uns über alles erheben.
Im Hartz IV-Gesetz ist die Rede davon, dass Menschen Teilhabe an der Gesellschaft gewährleistet werden soll. Wir haben heute im Gottesdienst viele Zahlen und Beispiele gehört. Es ist das Gegenteil der Fall, es ist Ausschluss. Der Arme hat ein Recht auf Respekt, auf Würde, auf Ehre, und er gehört dazu. Wieder zum Tango. Zum Tango gehört Selbstbewusstsein und der Mut zum ersten Schritt. Das ist wie in unserer Gesellschaft. Die, die in der Scheiße hängen, so sage ich mal, können sich schlecht selber helfen. Da sind die gefragt, die im Augenblick stark sind, dass sie dem anderen die Hand reichen.
„Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“
Klar, und so wahr. Im Tango finde ich das wieder. Das ungeheure Dürsten – nach allem. Nach allem, was Leben ausmacht und das Leben wert macht. Amen.
Hartz IV - Kleine Linksammlung
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In den Stand gehen
Tango ist revolutionäres Brodeln
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