Lutherkirche

Tangogottesdienst am 21. Juni 2009

Thema Vertrauen

Am 3. März 2009 stürzten das Kölner Stadtarchiv und zwei angrenzende Gebäude ein.  „An diesem Tag brach den Menschen in unserer Südstadt nicht nur im wörtlichen Sinn der Boden unter den Füßen weg“, sagte damals Hans Mörtter, der als Pfarrer und Notfall- und Katastrophen-seelsorger nah dran war. „Die Menschen haben auch im übertragenen Sinn den Boden unter den Füßen verloren, haben Angst, nicht mehr getragen zu sein.“ Daher half er, einen Schweigemarsch mit anschließender Gedenkfeier für die bei dem Unglück getöteten jungen Männer zu organisieren. In seinem nächsten Talk-Gottesdienst tauschte Hans Mörtter sich mit dem Chef der Kölner Berufsfeuerwehr, dem Branddirektor Stephan Neuhoff, aus.

Fast logisch ergab sich für den nächsten Tangogottesdienst das Thema von ganz allein. Es ging zwar nicht mehr um den Einsturz des Archivs, aber um das grundsätzliche Thema Vertrauen. Es fand sich ein sechsköpfiges Tango-Orchester zusammen. Das Tangopaar Kathrin und André führte dieses Mal keine einstudierten Choreografien vor, sondern improvisierte. Vielleicht stärker ausgeprägt als bei anderen Tänzen, muss der Mann beim Tango führen und die Frau sich führen lassen. Kathrin wusste nicht, welche Schrittfolgen kommen würden und musste sich der Führung Andrés in noch stärkerem Maße als sonst anvertrauen.

Lesung Hebräer 11, 9 - 10
„Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist“. 
Das Tango-Orchester 2009, Foto: Helga Fitzner
Auszug aus Pfarrer Mörtters Predigt
"Das ist die phantastische Geschichte von Abraham und Sarah. Die Sarah wird in der Bibel zwar nicht erwähnt – die ist schließlich von Männern geschrieben – aber Sarah gehört unverbrüchlich dazu. Ich finde diesen Gedanken so genial, dass Abraham als erfolgreicher Geschäftsmann und Herdenbesitzer, er war ein Großunternehmer in seiner Zeit,  aus dem Glauben heraus auf Gott hört und tatsächlich geht. Gott sagte zu ihm: ‚Ich will, dass du jetzt gehst. Verabschiede dich nicht einmal von deinen Nachbarn und Freunden. Geh. Mit deiner Familie. Geh. Jetzt. Denn ich, dein Gott, werde dich führen. ’-  Und Abraham geht wirklich. Deswegen heißt Abraham der Urvater des Glaubens bei den Muslimen, bei den Juden und bei uns Christen.  Er glaubt und geht im Vertrauen den Weg, den er gehen muss, um eines größeren Ganzen willen, weil er Teil einer großen Geschichte, eines Sinnzusammenhanges ist. So wie jeder Einzelne von uns auch. Wie der Stein, der einmal ins Wasser geworfen, seine Kreise zieht, ohne dass wir das vielleicht merken. Dazu gehört auch, dass Abraham und Sarah durch ihren Glauben wie Fremdlinge waren in einem neuen Land. Sie lebten in einem Zelt, das jederzeit abbaubar war, um neu aufzubrechen.

Fremd, so erlebe ich mich auch immer wieder in diesem Land. Hier die Titelseite des Kölner Stadtanzeigers vom 20.06.2009:  Über eine Milliarde Menschen hungern. Durch die Wirtschaftskrise erhöht sich die Zahl der Hungernden um 100 Millionen Menschen. Das sind 20 Millionen mehr, als Deutschland Einwohner hat. Mich entsetzt, dass das niemand in unserem Land schmerzt. Ich verstehe nicht das kollektive Schweigen angesichts dieses Entsetzens. Mir tut das weh. 
 
Abraham geht. Er glaubt, dass es Wege gibt, die weiterführen, ganz anders und neu.  Das habt ihr gerade beim Tangotanz von Kathrin und André gesehen. Der Tango funktioniert nur, wenn ich vertraue und mich darin versenke. Kathrin muss ihrem Partner André unbedingt folgen. Der Tangotänzer aber, der tanzt nicht nur für sich. Der tanzt noch nicht einmal MIT seiner Partnerin, er tanzt FÜR seine Partnerin. Das ist genau die Botschaft aller biblischen Geschichten.  Ich kann vertrauen, dass ich als Mensch geführt werde. Gott sagt:  Du bist nicht allein. Ich habe dich im Blick. Komm, geh - - - mit mir. Geh. Ich bin da.. Du bist mir wichtig."
Tango für alle, Foto: Helga Fitzner
Um den Tango auch für die Gemeinde erfahrbar zu machen, luden Kathrin und André zu ein paar Übungen ein, in denen man sich paarweise auf das Thema Vertrauen im Sinne von Sich-Führen-Lassen einlassen konnte. So ließen sich etliche Gottesdienstbesucher mit geschlossenen Augen durch die Kirche führen, durften aber auch ihre Fähigkeiten bei der Führung ausprobieren. Das machte Spaß und klappte ganz gut.  Pfarrer Mörtter fasst das Thema des Gottesdienstes so zusammen: „Vertrauen, dass unser Leben auf Erfüllung angelegt ist. Achtsam zu reagieren auf die Impulse, die das Leben uns schenkt, die wir spüren können. Die Kostbarkeit des uns geschenkten und anvertrauten Lebens.“

Text und Fotos: Helga Fitzner
Die Gemeinde beim Tango, Foto: Helga Fitzner



Kathrin und André tanzen...

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