Predigt zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz
vom 27. Januar 2001 von Mathias Bonhoeffer
Heilig, Heilig ist mein Herr, Gott der Heerscharen, der da war, der da ist und der da kommt
Liebe Gemeinde,
Babylon: An den Wassern dieser großen Stadt fern der Heimat sitzt Israel und trauert. Ins Exil geführt, gefangen.
Begonnen hatte diese Nacht mit der Niederlage gegen die Perser 587. Zuvor war es zum Krieg zwischen dem kleinen Israel und dem großen Nachbarn Persien gekommen. Der König von Jerusalem hatte auf die ägyptische Karte gesetzt und verloren. Nach einer langen Belagerung wurde Jerusalem eingenommen. Nebukadnezar, der Perserkönig ließ durch seine Soldaten ganze Arbeit verrichten. Die Mauern wurden geschliffen. Der Tempel mitsamt seinem Heiligtum wurde zerstört. Die Bundeslade mit den Geboten und der gesamte Tempelschatz wurde konfisziert und der persischen Staatskasse einverleibt. Die Bevölkerung wurde nach Babylon verschleppt. Gut 1500 Kilometer entfernt. Endlose Tagesmärsche durch die Wüste, wenig Wasser, wenig Brot. Die Perser sahen keinen Anlass, schonend mit den Marschierenden umzugehen. Israel war geschlagen, lag am Boden. Der Kontakt zu Gott, aufrechterhalten durch den Opferdienst im Tempel, schien unterbrochen. Das Allerheiligste war geschändet.
"An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hängten wir an die Weiden dort im Lande. Denn die uns gefangen hielten, hießen uns dort singen und in unserm Heulen fröhlich sein: «Singet uns ein Lied von Zion!» Wie könnten wir des HERRN Lied singen in fremdem Lande? Vergesse ich dich, Jerusalem, so verdorre meine Rechte. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenke, wenn ich nicht lasse Jerusalem meine höchste Freude sein."
Im Exil. Getrennt von Gott. Warum? Wieso? Israel suchte Antworten und fand sie in der eigenen Schuld. In seiner Nichtbeachtung der Gebote. In der Bestrafung durch Gott.
"By the Waters of Babylon" Ölbild von Evelyn de Morgan von 1883,
De Morgan Foundation, London
_____________________________________________________________
Aber nach einer Zeit des Exils kam Hoffnung auf. Vielleicht erwies sich Gott doch noch einmal als der gnädige Gott. Vielleicht vergab er noch einmal seinem Volk. Vielleicht erinnert er sich an seinen Bund, den er mit Abraham geschlossen hatte und mit Isaak und Jakob erneuert hatte.
„Tröstet, tröstet, Mein Volk! Spricht euer Gott.
Sprecht zum Herzen Jerusalems und ruft ihm (tröstend) zu:
Erfüllt ist seine Dienstzeit,
gesühnt seine Schuld,
empfangen hat es vielfach aus der Hand des Herrn um alle seiner Sünden willen!“
Das Volk Israel hat danach noch viele Nächte in seiner Geschichte erleben müssen. Keine aber war so dunkel und so grausam, so lang und so kalt, wie die Nacht in den Todeslagern, wie die Nacht der brennenden Öfen mit ihrem dunklen Feuer. - Auschwitz.
"Auschwitz - Birkenau steht für ein Ereignis in der Geschichte der Menschheit, das seinesgleichen nicht hatte und hoffentlich nie haben wird.
Auschwitz - Birkenau steht für Millionen ermordeter Menschen, steht für den Tod all derer, die in der nationalsozialistischen Sprachregelung den Todesstempel „unwertes Leben“ aufgedrückt bekamen.
Auschwitz - Birkenau steht synonym für den - und das meine ich ernst - Gott sei Dank - gescheiterten Versuch eines Volkes ein Volk, das Volk Israel Gottes Augapfel auszurotten.
Der Name Auschwitz - Birkenau ist der Versuch, einem Ereignis einen Namen zu geben, dessen Monstrosität bei den Betroffenen bis heute nichts von seinem Schrecken verloren hat und wohl auch nie verlieren kann.
Dieser Ort steht für ein Beben, dessen Wellen bis heute noch zu spüren sind.
Auschwitz Birkenau steht dafür, was Menschen Menschen antun können und nie wieder antun dürfen.
Auschwitz - Birkenau stellt die Frage nach dem Handeln Gottes. Stellt die Frage: Wo war Gott in dieser Nacht?
Diese Nacht ist nicht mehr mit der eigenen Schuld zu erklären, auch wenn einzelne jüdische Theologen dies versuchen. Ihre Argumentation zerschellt an der Monstrosität des Geschehenen.
Im Namen Gottes wird Einspruch gegen eine Theologie erhoben, in der Gott tötet, in der Gott den Armen und Hilflosen straft. In der Hitler und seine Todesmaschinerie entschuldigt und zu einem bloßen Werkzeug degradiert wird.
Auschwitz ist nicht Werk Gottes, sondern Werk von Deutschen und ihren Helfershelfern in den besetzten Gebieten.
Und doch bleibt die Frage, wo Gott in dieser Nacht war.
"Nie werde ich diese Nacht vergessen, die erste Nacht im Lager, die mein Leben in eine einzige lange Nacht verwandelte, siebenfach verflucht, siebenfach versiegelt. Nie werde ich den Rauch vergessen Nie werde ich die kleinen Gesichter der Kinder vergessen, die ich in Rauch aufgehen sah unter einem schweigenden blauen Himmel.
Nie werde ich die Flammen vergessen, die meinen Glauben für immer verschlangen.
Nie werde ich das nächtliche Schweigen vergessen, das mir für immer den Wunsch zum Leben nahm. Nie werde ich diese Augenblicke vergessen, die meinen Gott und meine Seele töteten, die meine Träume zu Staub werden ließen. Nie werde ich dies alles vergessen - und wenn ich dazu verdammt wäre, so lange zu leben wie Gott selbst. Nie.
Eines Tages, als wir von der Arbeit kamen, sahen wir drei Galgen auf dem Appellplatz aufgerichtet, drei schwarze Krähen. Abendappell. Um uns die SS, Maschinengewehre am Abzug: Die übliche Zeremonie. Drei Opfer in Ketten - und eines von ihnen ist der kleine Diener, der Engel mit den traurigen Augen.
Die SS war unruhiger, nervöser als gewöhnlich. Einen kleinen Jungen vor Tausenden von Augenzeugen zu hängen, war gar nicht so einfach. Der Lagerkommandant verlas das Urteil. Alle Augen blickten auf den Jungen. Er war totenblass, beinahe ruhig. Er biss sich auf die Lippen. Die Galgen warfen ihren Schatten auf ihn.
Diesmal weigerte sich der Lagerkapo, als Henker zu fungieren. Drei SS-Leute traten an seine Stelle.
Gleichzeitig stiegen die drei Opfer auf die Hocker.
Gleichzeitig wurden die drei Nacken in Schlingen gelegt.
'Es lebe die Freiheit', riefen die beiden Erwachsenen. Das Kind aber schwieg.
'Wo ist Gott? Wo ist Er?' fragte jemand hinter mir.
Auf ein Zeichen des Lagerkommandanten hin wurden die drei Hocker umgestoßen.
Völlige Stille im Lager. Am Horizont ging die Sonne unter.
'Mützen ab!' schrie der Lagerkommandant. Seine Stimme war heiser. Wir weinten.
'Mützen auf!'
Dann begann der Vorbeimarsch. Die beiden Erwachsenen lebten nicht mehr. Ihre Zungen waren geschwollen, bläulich. Aber das dritte Seil bewegte sich noch. Das Kind war zu leicht, es lebte noch...
Mehr als eine halbe Stunde hing er so, im Kampf zwischen Leben und Tod, im langsamen Todeskampf starb er vor unseren Augen. Und wir mussten ihm ins Gesicht sehen. Er lebte noch, als ich an ihm vorbeiging. Seine Zunge war noch rot, seine Augen waren noch klar.
Hinter mir hörte ich denselben Mann fragen: 'Wo ist Gott jetzt?' Und in mir hörte ich eine Stimme antworten: 'Wo Er ist? Er ist hier - Er hängt hier an diesem Galgen...'
An jenem Abend schmeckte die Suppe nach Toten."
(Elie Wiesel aus: Erzählbuch zur Kirchengeschichte 2, Von der beginnenden Neuzeit bis zur Gegenwart, hg. v. D. Steinwede, Jahr 1987, 544-545)
Text: Mathias Bonhoeffer
Fotos: Helga Fitzner
Auschwitz, Lager 1 (aufgenommen 2010)