Lutherkirche

 Predigt "Wir sind Menschen" vom 19. November 2006

über das afrikanische Flüchtlingselend von Hans Mörtter


Tango ist caminar. Tango ist gehen. Wisst ihr, wie Tango entstanden ist? En corazón – im Herzen. Menschen, die aus Europa geflohen sind, nach Buenos Aires, an den Rio de la Plata. Sie glaubten, dort eine neue Heimat zu finden, vor allem aber, satt zu werden. Und das jeden Tag. Groß war ihre Enttäuschung, über ihre Chancenlosigkeit. Arm, heimatlos, ohne Recht. Lange mussten sie gehen. So fingen einige an, Musik zu machen und zu tanzen. Dieses Urmenschliche, die Sehnsucht nach Heimat, nach Menschsein, nach Würde ist vom Tango nicht zu trennen. Auch heute nicht. Wir sind Menschen. Aber das wird nur spürbar, wenn wir auch das zulassen können - den Schmerz der anderen. Raúls Tanz, der Koffer, der Stuhl, die Einsamkeit, das Ausgeliefertsein, die Verzweiflung. Ein bisschen was konnten wir spüren. - Aber es war ein Tanz, und Raúl ist kein Asylant. Wir alle hier auch nicht.

Flüchtling oder Migrant. Man kann spüren, das Entsetzen, das er bekam, als er es nach zehn Tagen auf hoher See geschafft hat, zu überleben, und an einem schönen Strand auf den Kanaren ein Land wartet mit sich sonnenden, fetten Billigurlaubern – sag ich jetzt mal so.

An der Lutherkirche haben wir einen Illegalen im Augenblick, seit gut einem halben Jahr. Er kommt aus einem anderen Land, nicht aus Afrika. Ich sage nicht, woher. Aus diesem Land gibt es einige, die illegal in Köln leben. Es gibt auch welche, die legal hier leben. Aus diesem Land bringt er eine wunderbare Geschichte mit: Solidarität! Seine Landsleute halten halbwegs zusammen. Denn was passiert, wenn J., das ist der erste Buchstabe seines Namens, denn er hat einen Namen, krank wird oder ins Krankhaus muss. Er hat einen Pass der Lutherkirche, in dem ein paar Sätze stehen und unser fast 200 Jahre altes Gemeindesiegel. Das ist ein gleichschenkeliges Dreieck mit zwei Händen, die sich reichen und drum rum steht: Lasst uns einander lieb haben. J. kann sich auf uns verlassen und auf manchen Polizisten oder manche Polizistin in Köln, denen er diesen Ausweis zeigt. „Ausweis“ heißt hier in Anführungsstrichen, denn er ist ja nichts wert, außer einem Appell: Lasst diesen Menschen in Frieden. Lasst ihn in unserer Stadt leben. Denn er kommt mehr oder weniger allein hierher. Verdient sogar sein Geld und überweist jeden Monat seiner Familie im Heimatland das Geld, das sie dort brauchen, um überleben zu können. Aber es ist kriminell, einen solchen Menschen zu schützen. Es ist nach wie vor ein Verbrechen. Und doch nötiger denn je.

Ich habe vielleicht nicht die Antwort, aber der alte Prophet Jesaja gibt eine. Nach wie vor aktuell. In einer Vision beschreibt er im Lesungstext, den wir gehört haben, den Berg Zion, zu dem die Völker Wallfahrten machen werden, weil dort Frieden und Gerechtigkeit herrschen werden, so die Verheißung.

Vielleicht ist es gerade das - dass wir der Innenministerkonferenz alles überlassen – und sagen schön, die haben doch einen Beschluss gefasst, der zwar wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat, aber immerhin, die wollen ja. Doch reicht das nicht. Wir haben Raum in Deutschland, und wir haben Arbeit, weil die andere Menschen nicht tun wollen. Und wir sind satt, wo andere hungern. Wir können Fisch essen, wo bei anderen Küsten alles leer gefischt ist, weil wir so unermesslich gierig sind. Das eine hat mit dem anderen was zu tun.

Ich träume davon, dass wir hier in dieser Kirche Tango tanzen als Reiche und Satte mit afrikanischen Flüchtlingen. Von Herz zu Herz. Ich träume davon, dass uns diese Frage bewegt uns nicht los lässt und ins Diskutieren bringt: Wie sieht eine Welt aus, in der nicht 191 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg und Armut sein müssen oder in der es kein Problem ist, 30 Millionen Schusswaffen wie in Afrika zu haben. Und Rheinmetall expandiert und entwickelt immer „perfektere“ Waffen.

Wir sind Menschen. Aber es droht uns zu entgleiten, unser Menschsein mit all dem, was da geschieht. Jeder Flüchtling dieser Erde stellt das in Frage. Was für ein Wahnsinn ist das! Stellt euch die Kinder vor. Stellt sie euch vor an ihren Orten, in ihrem Leben, in ihrem Sterben. Ja, wir sind Menschen, aber wir sehen gar nicht so aus. Sonst wären wir mutig und standhaft, lebten in der Erkenntnis: Kein Tango ohne Stand. Kein Tango ohne Rückgrat und Perspektive. All das ist uns seit unserer Geburt als Menschen mitgegeben. All das besitzen wir, auf das wir beginnen zu gehen, in unser Leben hinein mit all denen, die auf diesem Planeten leben. Gehen wir! Amen.  

Siehe auch "Hintergrundbericht"
Talk-Gottesdienst mit Elias Bierdel
Christvesper 2011



Unser Menschsein droht uns zu entgleiten

Symbol Fisch
Jeder Flüchtling stellt es in Frage