Lutherkirche

Afghanistan - über die Notwendigkeit der Vergebung

Predigt von Mathias Bonhoeffer gehalten am 3. Advent 2001



Gnade sei mit euch und Friede, von dem der da ist und dem der da war und dem der da sein wird. Amen.

Liebe Gemeinde,
der Krieg in Afghanistan ist von den Amerikanern und Ihren Verbündeten gewonnen. Die Bombardements gehen weiter bis die letzten Taliban und El Kaida-Kämpfer sich ergeben haben oder tot sind. In Israel/Palästina deutet alles auf eine blutig rote, denn eine friedliche Weihnacht hin. 

Zehn Wochen nach dem Beginn des Bombardements der Amerikaner und Briten in Afghanistan und gut 13 Wochen nach dem Terrorangriff auf Amerika, möchte ich mit Ihnen über ein zentrales Thema der Bibel nachdenken: Dem Vergeben.

Dass Krieg nicht die Lösung der Probleme ist, sondern ein Teil des Problems sollte sich herumgesprochen haben. Gewalt erzeugt Gewalt. Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Die Spirale der Gewalt dreht sich immer weiter. Nirgends besser zu sehen als im Nahen Osten.

Mit Menschen, die ich hasse, kann ich nicht reden. Hass richtet sich auf die Zerstörung des anderen. Hat sein Ziel in der Verletzung in der physischen oder psychischen Vernichtung des anderen. Um dies zu erreichen muss ich ihn zum Tier, zum Dämon, zum Bösen schlechthin machen, das vom Erdboden vertilgt werden muss. Wen wundert's, dass so ein Tier sich wehrt?!

Vergebung wird in diesem Zusammenhang häufig als Dummheit, Nachgiebigkeit oder Schwäche ausgelegt. Stärke sei gefragt. Gesicht wahren.

Das Spannende am Thema Vergeben ist nicht nur die Auseinandersetzung zwischen dem hohen christlichen Anspruch und den gesellschaftlichen Verhältnissen, sondern auch das Phänomen, Vergebung selbst zu praktizieren und ihre Wirkung zu erleben.
Es geht also um den Anspruch Gottes „vergebt so wird euch vergeben“ (Lk 6,37).
Um das, was bei uns Wirklichkeit ist, „...Hass, Groll, Vergeltung“ und um die Erfahrung, was geschieht, wenn man vergibt, bzw. Vergebung erfährt.

Zunächst:
Verletztwerden gehört zum Leben.
Es geschieht tagtäglich. Kleine Verletzungen und große Verletzungen. Da wird dort unsanft gerempelt oder wüst beschimpft. Hier wird ein Kind angefahren, dort geschieht eine Vergewaltigung. Hier geschieht ein Mord, dort ein Terroranschlag, mal mit wenig Toten mal mit tausenden. Hier wird bombardiert, dort Milzbrand ausgesetzt.

Im christlichen Bereich wird schnell die biblische Keule herausgeholt und die im Vaterunser festgeschriebene Selbstverpflichtung zur Vergebung „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ als eine praktische Selbstverständlichkeit behauptet, die keiner weiteren Erörterung bedarf. Christen haben zu vergeben . Ende aus basta.
Wie sie das machen sollen. Wie sie mit Ihren Hassgefühlen, ihrem Groll und Ihren Vergeltungswünschen umgehen sollen, das erzählt ihnen keiner. Und auch denen, die sich beleidigt zurückziehen, jeden Kontakt abbrechen, wird nicht geholfen.

Der Umgang mit Verletzungen und die darauf Not wendende, also notwendige Vergebung wird selten gelernt.
Häufig werden dabei Vergebung und Versöhnung auch noch durcheinander geworfen und miteinander verwechselt.
Dabei meinen sie etwas sehr verschiedenes und es sind sehr verschiedene Prozesse.

Versöhnung geschieht, wenn überhaupt zwischen zwei oder mehr Personen. Ihr voran geht die Vergebung.
Vergebung ist ein Prozess, der sich innerhalb einer Person abspielt, ist ein Prozess den jede, jeder mit sich selbst ausmacht. Oder auch nicht. Vergebung ist nicht vom Verletzer - und dessen Reue oder Einsicht abhängig. Oder anders: Reue und Einsicht sind keine notwendige Voraussetzung, Bedingung für Vergebung.
Mit dieser Definition befinden wir uns mitten im Zentrum der Lehre Jesu und damit beim Anspruch.
Gerade in den Geboten zur Feindesliebe sowie zur bedingungslosen notwendenden Vergebungsbereitschaft ist diese Lehre von unmissverständlicher Deutlichkeit.
Sowohl in dem Gebot »Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Mt. 5, 43) als auch in der Aufforderung »Und wenn ihr hinsteht und betet, so vergebt, wenn ihr etwas gegen jemand habt, damit auch euer Vater, der in den Himmeln, euch eure Verfehlungen vergebe« (Mk. 11. 25) wird deutlich, dass unsere Haltung dem Verletzer - und damit Feind - gegenüber nicht re-aktiv, sondern kreativ sein soll. Geprägt von einer Vergebungsbereitschaft (vgl. Mt. 18, 21ff.), die an keine Bedingung geknüpft ist und damit unabhängig vom Schuldprinzip.

Biblisch heißt das:

I.
1. Indem wir unserem Mitmenschen vergeben, kommt Gottes Vergebung in uns selbst zur Entfaltung, sie kann sozusagen »Frucht bringen“,
Oder 2. andersherum: ein Mensch, der gegenüber seinem Nächsten verhärtet ist, muss unweigerlich auch Gott gegenüber verhärtet sein.

3. Bedingungslose notwendende Vergebungsbereitschaft ist das Zeichen, dass die „normale“ Logik der zwischenmenschlichen Beziehungen eine fundamentale Veränderung erfahren hat: Statt vom Gesetz der Selbstbehauptung lassen sich Christen leiten von der Freiheit von sich selbst, die es ihnen ermöglicht, den anderen anzunehmen und auf Hass, Groll oder Vergeltung als Akt der Selbstbehauptung zu verzichten.

4. Wir können Vergebung nur empfangen, wenn - oder weil - wir bereit sind, sie anzubieten, und wir können Vergebung nur gewähren, wenn - oder weil - wir sie selbst empfangen haben.
So weit der biblische, der exegetische Befund. Soweit der Anspruch.

II.
Dem entspricht jedoch die Praxis des menschlichen Umgangs mit
Verletzungen keineswegs.
Beherrschende sind zwei Reaktionsmuster in unterschiedlicher Ausprägung. Dem - meist beleidigten - Rückzug bis hin zum Beziehungsabbruch oder der Vormarsch bestimmt von Wut, Hass und Vergeltungswünschen.

Doch was geschieht eigentlich, wenn ich verletzt werde?
Psychologisch gesehen geschieht folgendes:
Neben den eventuell körperlichen Schäden erfahre ich eine mehr oder weniger massive Missachtung oder Abwertung meiner Person.
Diese Bedrohung oder Erschütterung meines Selbsts bzw. Selbstwertgefühls erlebe ich als Gefahr. Ich gerate in Stress, der den Körper auf Kampf oder Flucht, auf Angriff oder Rückzug vorbereitet und eine Selbstschutzreaktion ist.

Diese Stressreaktion klingt keineswegs automatisch ab, nachdem ich mich gewehrt bzw. gerächt oder vom Angreifer zurückgezogen habe. Entscheidend für das Abklingen der körperlichen Anspannung ist stattdessen das Abklingen der seelischen Anspannung. Solange die Gefühle von Angst, Wut, Hass und Groll als Folge der Verletzung weiterbestehen, wird auch die körperliche Stressreaktion nur unvollständig oder gar nicht abgebaut.

Was kann ich also tun?
Um so einen Stressabbau zu erreichen, darf ich bei den Gefühlen, die mein angegriffenes und bedrohtes Selbst schützen sollen, sprich: bei Wut, Groll, Hass etc. nicht stehen bleiben. Diese Gefühle bilden vielmehr die Ausgangsbasis, um in einen Prozess der inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Verletzungserfahrung einzutreten.

In einem ersten Schritt muss ich mir meine Emotionen offen eingestehen - und zugestehen -, ich darf sie weder bagatellisieren noch leugnen oder verdrängen. Denn: nur was im Bewusstsein zugelassen wird, kann auch losgelassen werden!

In einem zweiten Schritt beginnt die intensive Auseinandersetzung mit dem Geschehenen, und zwar unter mindestens zwei Gesichtspunkten:

1. Zum einen muss der Versuch einer Einfühlung in den Verletzer unternommen werden. Ich muss versuchen zu verstehen, was den anderen dazu bewogen hat, so zu handeln, wie er gehandelt hat. Alles verstehen heißt nicht, alles richtig finden, doch kann Einfühlung durchaus als die Mutter des Verzeihens bezeichnet werden. Ohne Einfühlung ist keine tiefere Bearbeitung und damit verbunden keine neue Sicht der Verletzung möglich.

2. Der zweite Gesichtspunkt besteht in der kritischen Reflexion des eigenen Verhaltens, des möglichen eigenen Anteils am Geschehen. Das heißt nicht, mich als Opfer automatisch nachträglich zum Täter zu machen und die Schuld umzudrehen. Aber Selbsterkenntnis und Selbstgerechtigkeit schließen sich in der Regel aus. Das Ergebnis dieser Phase besteht in einem verfeinerten Bild des Verletzers, aber auch des Verletzten selbst. Damit verbunden ist ein Blickwechsel, der eine Neubewertung der Verletzungserfahrung ermöglicht. Manche Dinge erscheinen so in einem anderen Licht.

3. Ausgehend von dieser Phase kann in einem dritten Schritt der Entschluss zur Vergebung getroffen werden.
Dieser Entschluss zur Vergebung geschieht vorwiegend aus der Erkenntnis heraus, sich damit selbst zu entlasten, sich quasi vom Bann des Geschehenen zu befreien.
Vergebung wird so als Befreiung erfahren.
Wieso kann so etwas gelingen und warum haben Christen, die Möglichkeit zu so einem Schritt?

»Der Schwache kann nicht verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft der Starken.« hat Mahatma Gandhi einmal gesagt, der weiß Gott, viele Demütigungen und Schläge hat einstecken müssen.

Woher kommt unsere Stärke? Für die eine oder den anderen etwas platt, unsere Stärke kommt vom Gott, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht, siehe der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.
Oder aus dem Jesus Wort: „Wer an mich glaubt, wird nicht zu schanden werden.“

Oder: Kommt her, alle die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und vom Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe für eure Seelen finden. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.

Christen fühlen sich nicht restlos menschlicher Willkür ausgeliefert, sondern letzten Endes »in Gottes Hand“; sie können der massiven Abwertung von Seiten des Verletzers die Gewissheit des Angenommen- und Anerkanntseins von Gott entgegen setzen;
Sie beziehen aus ihrem Glauben die Kraft zur Vergebung.

Und der Friede Gottes welcher ist höher als alle Vernunft bewahre Eure Herzen in Christus Jesus. Amen
 



Vergebung als Befreiung

Kelch der Vergebung, Foto: Helga Fitzner
"Verzeihen ist eine Eigenschaft der Starken", sagt Gandhi